Die mir von Geburt an still zur Seite gestellte AnWesenheit in meinem Leben. Dunkel erwartungvolle Gewißheit am Ende aller Wege. Wie erfasse ich das Unbegreifliche. In welche Worte kleidet sich Unvorstellbares...

Der Tod. Die Tödin* - ist sie mir weibliche oder männliche SeinsKraft. Göttliches oder Urmenschliches. Absolutes Ende oder neuender Übergang? Ich spüre, mir ist Tod als ein WeiblichSeiendes nahbar. Und so nähere ich mich ihr von hier aus an. Tastend. Fragend:
Ist sie die Schnitterin?
Das reife Korn zu ernten. Ein Leben bündeln. Zusammenfügen, was im Leben manches Mal getrennt ward. Einsammeln. Ein Sammeln und Lesen beschriebender Wege, gelebter Momente, durchwehter Schmerzen, lohend strahlender Freude.
Ist sie die Zeichnende?
Von der Tod gezeichnet, sagen wir. Und wahrlich scheint es so, als malte sie uns scharfe kantige Züge in Gesicht und Leib. Wie abgeschmolzen scheint die Fülle des Lebens. Was bleibt? Eine Klarheit, wie reduziert auf die schon durchscheinende reine AnWesenheit dieses Anderen, Jenseitigen.
Ist sie der Weg in dies unterweltliche Land?
Ist sie die mit-mir-Gehende?
Die Mich-Erwartende?
Ein mir von Geburt an zum Geleit anvertrautes Wesen, meine Schritte hütend im Wissen um den letzten?
Und wie vermag sie dies zu sein - neben dem wütenden Schrecken des Abschieds. Der gefürchteten EndGültigkeit?

Die Suche nach dem Wesen der Tod und dem, was ihr folgt ist so alt wie die Menschheit. Was, wenn sie selbst uns inmitten des Lebens ihre Antwort spricht...Im engen niedrigen Bauch eines alten Hünengrabes lausche ich dem tröstenden Gesang der Erdmutter an der Schwelle von Raum und Sein. Geborgen in der Gewissheit eines hütenden Empfangenseins. Mag sein, diese steinernen Monumente verankern die Tod gleichsam im Land und sind uns darin Einladung, die unvergängliche Ewigkeit in uns selbst zu spüren.
Was, wenn alle Gräber Zeichen setzen. Uns in der Endlichkeit des Lebens der Unendlichkeit des Liebens zu erinnern.
In allem Fragenden bin ich mir gewahr - ich sehne Frieden mit der Tod. EinverstandenSein mit ihrem reinen Wesen, frei von kriegslüsterner Gewalt und habgierigem Morden.
Lieben will ich im Wissen um den Abschied und leben im Berührtsein meiner Sterblichkeit.

Was, wenn ich mein Leben von der Tod aus lebte? Wenn wir vom Ende der Zeit aus blickten - wer wollte sie vergeuden, die kostbar Geschenkte? Was, wenn ich mein Leben von der Tod aus lebte, wäre wesentlich?
Die Tod fordert unser Leben. Sie fordert unsere Lebendigkeit. Das Gewahrsein der Kostbarkeit allen Lebens.
Sie fordert uns heraus. Sie fordert uns zum Tanz.
Hier will ich ihr die Hand reichen. Inmitten meines kreisenden LebensWandels. Zwischen zwei Schritten. Zwischen Abschied und Neubeginn. Im Rhythmus meines warmen pulsenden Herzens. In meiner atemvollen Lebhaftigkeit.
EinAtem. AusAtem. Stille. Mein Leben lang vertraue ich mich dem kommenden Einatem an. Dem nächsten Schritt. Nun. Hier. Wie von selbst schöpft sich das Leben in mir immer wieder neu. Nun. Hier.Eines Tages nimmt die Stille im Dazwischen meine Hand. Und dauert an...



* der Tod, die Tödin ( Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm)
mir ist sie als weibliche Seiendheit nah und so wähle ich "die Tod"